Ja, es ist soweit. Heute ist der 7. Januar, das bedeutet, dass ich seit ganzen 6 Monaten hier bin. Es ist immer noch verrückt, denn einerseits fühlt es sich an, als wäre ich schon ewig hier. Langsam vergesse ich, wie meine Nachbarschaft aussieht, es dauert eine Weile, bis ich mich an die ein oder andere Gegend erinnere.
Andererseits kommt es mir so kurz vor, noch immer hatte ich kein wirkliches Heimweh. Noch immer sind es sechs Monate, bis mein Reisemonat beginnt.
Den Tag heute wollte ich als Anlass nehmen, um einfach mal zurück zu blicken auf alles, was so passiert ist.
Angefangen hat alles mit dem Abschied. Abschied von Arbeitskollegen, Freunden, Familie. Dann meine Eltern, Alena und Jannik am Flughafen. Ich war ja wirklich der Meinung, ich würde nicht weinen. Wie naiv.
Um 23Uhr angekommen am Flughafen, war ich das allererste Au Pair, das ankam. Mein Busfahrer hat mich dann direkt ins kalte Wasser geworfen und sich zwei Stunden mit meiner völlig übermüdeten, überwältigten und deutschen Hülle unterhalten - auf Englisch. Damals fiel mir das im Vergleich zu heute natürlich sehr schwer, aber wie alles andere habe ich auch das gemeistert (apropos gemeistert, geWELTMEISTERt haben wir es auch).
Ich habe dann in der Trainingschool tolle Menschen kennengelernt, mit den einen habe ich noch Kontakt, die anderen hat man leider wieder genauso schnell aus den Augen verloren (aber eine Traininschool-Réunion ist in Überlegung).
Mit dem Bus ging es dann nach Montclair, wo mich Laura, das alte AuPair meiner alten Gastfamilie abholte. Ich war so aufgeregt, wenn ich daran denke dreht sich mir der Magen heute noch um. Das erste Mal die Menschen treffen, mit denen ich ein Jahr lang leben werde (das jedenfalls dachte ich). Ich hatte so viele Ängste:
Bin ich gemacht für das Aupair-Dasein? [ich denke ja]
Werden mich die Eltern und die Kids mögen? [ich glaube kaum, aber naja]
Werde ich Freunde finden, die meinen in Deutschland das Wasser reichen können? [wenige, aber ja]
Werde ich viel Heimweh haben? [meine größte Angst, haha]
Zugegeben, auch wenn ich mich in der Familie wohlgefühlt habe, aus meiner jetzigen Sicht betrachtet weiß ich, dass es nicht richtig war. Es hat sich ganz anders angefühlt als jetzt. Surreal, nur auf Zeit, eine Station in unserem Leben, die wir so schnell wie möglich hinter uns bringen wollen.
Jetzt bin ich ehrlich zu mir selbst und merke, wie wenig die erste Familie zu mir gepasst hat. Ich war ein ganz anderer Mensch in diesem Haus und während ich anfangs noch dachte, das sei die große Veränderung gewesen, so weiß ich jetzt dass ich einfach erfolglos versucht habe mich anzupassen.
Of musste ich die Zähne zusammen beißen, mein Augenrollen verstecken und mir Bemerkungen verkneifen. Und im Nachhinein bin ich dankbar, dass diese Familie ins Rematch gegangen ist. Ich wäre irgendwann geplatzt vor aufgestautem Frust. Dieses ständige 'Ja und Amen', das erwartet wurde. Alles eins zu eins so machen, wie die Vorgänger, nur leider bin ich anders.
Auf jeden Fall habe ich dann kurz vor knapp meine jetzige Familie kennengelernt. Ich erinnere mich so gut, wie wir uns im Dean&DeLuca getroffen haben, ich war so gespannt. Natürlich würde ich auch hier mit Fragen gelöchert, aber ich hatte beispielweise einen ganz anderen Redeanteil als zuvor (die Schuld ist nicht nur bei der fremden Sprache zu suchen).
Ich hatte sofort ein gutes Gefühl, auch wenn wir uns dann verabschiedet haben und noch die Frage k, Raum stand, ob die Kids mich mögen würden. Geplant war, dass ich noch mit den Kids skypen würde bevor die Entscheidung fällt.
Das erledigte sich dann aber sehr schnell, als meine jetzige Gastmutter mir textete. Ich erinnere mich nicht mehr ganz, aber auf jeden Fall ging es darum, dass ich ihnen charakterlich so gut gefallen habe, dass mich die Kinder einfach mögen müssten. Alles andere ging dann recht schnell, eine Woche musste ich dann noch in der 'Hölle' überleben (es ist halt nicht schön die Wahrheit über Menschen zu wissen, aber ihren Fassaden Tag für Tag ins Gesicht grinsen zu müssen).
Dann holten mich mein Gastvater und die zwei Kleinen ab. Ich war direkt ein neues Familienmitglied, mir wurden Brainteaser gestellt und ich bestand die Aufnahmeprüfung im Auto anscheinend.
Meine Gastmutter hat uns samt Hund draußen empfangen, ich weiß noch wie besorgt sie war, dass Cutie mich nicht sofort mögen würde. Das hatte sich dann auch direkt erledigt, als ich sie begrüßte und Cutie mich tatsächlich schwanzwedelnd begrüßte.
Der älteste empfing mich damals eher desinteressiert, heute weiß ich, dass es nicht an mir lag, sondern an der Tatsache, das er einfach nur am FIFA spielen war.
So rasend schnell, wie ich meine Beziehung zu der Familie aufbaute, so langsam verlief die Suche nach Freunden.
Kaum jemand schien Interesse an einer neuen Bekanntschaft zu haben und damit kam eine meiner größten Ängste zurück. Nach etwa zwei Wochen kannte ich dann aber ein paar Gesichter und daraus hat sich die ein oder andere enge Freundschaft entwickelt.
Seither habe ich Halloween, Thanksgiving, Blackfriday, Weihnachten, Hanukkah und Silvester erlebt. Einige Feiertage waren überwältigend schön, andere dann ernüchternd und Zuhause einfach schöner (dabei sein ist alles).
Ich war ein Wochenende in Washington, habe einiges in New York City erkunden dürfen und viele, viele andere Dinge stehen noch auf meiner Liste. Von höchsten Temperaturen bis Schnee (seit gestern, na danke...) habe ich alles erlebt und ich präferiere sicher den Sommer!
Ich hatte Höhen und Tiefen in diesem Jahr, die wahrscheinlich schönsten und schlimmsten Augenblicke überhaupt. Aber das, was mir am meisten bedeutet ist die Tatsache, dass mich eine fremde Familie so in ihr Herz schließen kann, dass sie mich gar nicht mehr gehen lassen will. Ich liebe diese Familie so sehr, dass ich den Gedanken gar nicht ertragen kann, Ihnen zu sagen, dass ich nicht verlängern werde. Ich glaube, es wird meinen Kleinen das Herz brechen, auch wenn sie es eigentlich gewohnt sind, dass Aupairs kommen und gehen.
Verrückt, wie man auf verschiedene Menschen so unterschiedlich wirken kann, oder? ...
An all meine Trainingschool-Kameraden: Herzlichen Glückwunsch, ihr habt es geschafft. Sechs Monate, Halbzeit. Wir können so stolz auf uns sein, dass wir diesen Schritt gegangen sind, dass wir die Zeit unseres Lebens haben und dass wir mit so jungen Jahren so viel Verantwortung auf unseren Schultern tragen können.
Das war ich, kurz bevor ich gegangen bin.
Habe ich mich sehr verändert? Äußerlich, ich denke nicht. Innerlich, ich denke sehr.
Danke für jeden, der mich auf meinem Weg begleitet, ob ich euch persönlich kenne oder nicht, ob wir ständigen Kontakt haben oder ob ihr nur Stille Leser seid. Danke für jeden in Deutschland, in den USA und überall auf der Welt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie dankbar ich wirklich bin. Und stolz, auf mich.
Auf weitere sechs Monate + unvergessliche Reisen im 13. Monat. ❤️🇺🇸


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